Super Illu - Drama um Magdeburger Weltstars
Sie sind Deutschlands international erfolgreichste Rockband. Sie schaffen das, was bisher nur den wenigsten gelang: Ihr neues Album "Humanoid" ist das dritte Nummer-1-Album in Folge. Doch so viel Glanz hat auch seine Schattenseiten. In einer TV-Dokumentation sprechen die vier Jungs über ihre Anfänge, ihre Karriere und ihr Leben. Und offenbaren dabei Erschreckendes
Fast zwei Jahre haben sie sich Zeit gelassen, jetzt erobern die vier Magdeburger Rocker von Tokio Hotel wieder die Charts: Mit ihrem neuen Album kehren Tom, Bill, Gustav und Georg zurück auf die Bühne. Kritiker loben die neue CD, die »Humanoid« heißt. Das Wort kommt aus der Science-Fiction-Sprache, heißt »menschenähnlich«. Bei Thomas Gottschalks »Wetten, dass ...?« präsentierten die Jungs das neue Album am 3. Oktober.
Sensation
»Humanoid« ist erst das dritte Album von Tokio Hotel - und trotzdem haben die vier Jungs aus dem 700-Seelen-Dorf Loitsche, 20 Minuten von Magdeburg entfernt, schon Musikgeschichte geschrieben. Keine deutsche Band war jemals in so jungen Jahren international so erfolgreich - wozu die »Scorpions« viele Jahre brauchten, das haben die vier Teenager aus Sachsen-Anhalt in Rekordzeit geschafft. Mit deutschen Texten in Frankreich, Kanada, Israel oder Amerika dermaßen erfolgreich zu sein, kann nur als Sensation bezeichnet werden. Tokio Hotel - das ist die erfolgreichste Show-Karriere nach der Wende. Eine Karriere, die viele Opfer fordert.
Schattenseiten
Der ganze Hype um die Band wird für die vier jungen Erwachsenen mehr und mehr zum Albtraum - ein normales Leben ist seit Jahren unmöglich. Die RTL-Dokumentation »100 Prozent Tokio Hotel» (RTL, 16.10.2009, 22.15 Uhr) zeigt jetzt, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist. Vor allem die Zwillinge Tom und Bill Kaulitz, die mit Abstand beliebtesten Band-Mitglieder, scheinen unter der Situation mehr zu leiden, als bisher bekannt war. „Wir können nirgendwo mehr hingehen, müssen immer durch den Hintereingang ...“, erzählt Bill. Klingt lapdiar, ist aber bitterernst. Es geht schon längst nicht mehr darum, sich einfach nur vor aufdringlichen Fans zu schützen oder um Teenager-Gekreische und Massenhysterie zu vermeiden. Vielmehr muss alles getan werden, um gewaltsame Übergriffe gegen die Band zu vermeiden!
Wie bitter notwendig das mittlerweile ist, zeigt ein Vorfall vom April dieses Jahres. An einer Tankstelle in Hamburg-Bahrenfeld zeichnet eine Überwachungskamera auf, wie Tom Kaulitz auf ein junges Mädchen losgeht. Der Musiker ist außer sich vor Wut, springt aus seinem Audi und attackiert die junge Frau, die ihn dann wegen Körperverletzung anzeigt. Der Fall macht weltweit Schlagzeilen: »Ist Tokio-Tom ein brutaler Schläger?« titeln die Gazetten. Erst später stellt sich heraus, die Frau gehört zu eine Gruppe junger Französinnen, die sich »Les Afghanes on Tour« (Afghanen auf Tour) nennen - und die Band schon seit Monaten hartnäckig verfolgen. Um ihren deutschen Idolen ganz nahe zu sein, sind die Französinnen sogar in die Nachbarschaft von Bill und Tom Kaulitz gezogen. Sie belagerten auch das Elternhaus der beiden in Magdeburg, bedrohten deren Mutter. Damit nicht genug. Bandmanager David Jost verrät, dass die Situation schon des Öfteren dermaßen eskaliert ist, dass Bill und Tom in ernsthafte Gefahr gerieten: „Neben zahlreichen Belästigungen und Drohungen wäre es wegen Autoverfolgungsjagden der Stalker auch schon mehrfach fast zu Verkehrsunfällen gekommen ...“
Schlägerei 2
Im Juli 2009 wird Drummer Gustav in einer Magdeburger Diskothek in eine Schlägerei verwickelt. Angeblich, weil der ein Mädchen, das in Begleitung seines Freundes da war, »angebaggert« hat. Gustavs Gegner schlägt dem Drummer zwei Bierflaschen an den Kopf, der Musiker muss mit 36 Stichen genäht werden ... Dass es sich bei dem Verletzten um ein Tokio-Hotel-Mitglied gehandelt habe, will der Angreifer angeblich nicht gewusst haben.
Drogen und Krawall
Wie sehr die ganze Situation an den Nerven zerrt, verriet Tom vor wenigen Tagen im Interview mit der Zeitschrift »Gala«. Auf die Frage, wie sie mit den Anfeindungen umgehen, antwortet er: „Wenn mich jemand dumm anmacht, bin ich sofort auf Krawall gebürstet. Ich lasse mir nicht gegen den Karren fahren ...“ Auch über Drogenerfahrungen spricht der 20-Jährige freimütig: „Auch wir haben mal experimentiert und damit relativ früh angefangen. Bereits als Dreizehnjährige hatten wir ältere Kumpels ... Da kam es schon mal vor, dass wir uns hardcoremäßig betrunken, bekifft oder bunte Pillen eingeworfen haben ...“ Heute aber, so beteuert sein Bruder Bill, sei das mit den Drogen vorbei ... Drogen mit 13, Idole für Hunderttausende mit 16, Weltkarriere mit 20 - ein Leben im ICE-Tempo. Mehr als sechs Millionen Alben hat die Band mittlerweile verkauft. Doch der Preis für Berühmtheit und ein pralles Bankkonto ist der totale Verlust der Privatsphäre. Bill dazu: „Mir fehlt die Spontaneität. Ich kann nicht einfach mal raus, ins Kino oder ein Eis essen. Alles muss bereits Wochen vorher geplant sein. Ein Leben nach Drehbuch. Natürlich gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Aber es gibt schon Momente, in denen ich mein früheres Leben vermisse ...“ Dann schiebt er nach: „Aber das ist völlig okay so. Tokio Hotel ist kein Job, das ist unser Leben. Und zwar ein verdammt geiles Leben!“
Fremdbestimmt
Klingt gut. Oder wie auswendig gelernt. Wie »geil« das Leben der Jungs mittlerweile tatsächlich ist, offenbart Bill im RTL-Interview: „Neue Leute lernen wir nicht mehr kennen. Sie werden uns vorgestellt ...“ Und dabei schaut er so traurig in die Kamera, dass man unweigerlich Mitleid haben muss. Gefangen im goldenen Käfig sagt man dazu. Michael Jackson hat diese Erfahrung gemacht, auch Robbie Williams zu seinen Take-That-Zeiten. Die Band ist alles, das Individuum nichts.
Der Schrei
Das Lied »Schrei« brachte 2005 neben »Durch den Monsun« den Durchbruch: „Du stehst auf und kriegst gesagt, wohin du gehen sollst, wenn du da bist, hörst du auch noch, was du denken sollst. Danke, das war mal wieder echt’n geiler Tag. Du sagst nichts, und keiner fragt dich: Sag mal, willst du das?“ Treffender kann man das Seelenleben der vier Magdeburger Weltstars wohl nicht beschreiben ...
( Quelle: super-illu.de)
Den ganzen Artikel findet ihr auch in der aktuellen Ausgabe am Kiosk für 1,50 Euro.
Es lohnt sich allein schon wegen den Bildern und dem Titelblatt ( Bill in Großformat).
lg Blacklady


