TH und der Schrei nach Liebe
Es gibt viele Wege, zum Opfer des eigenen Erfolgs zu werden, damit durften Tokio Hotel viele Erfahrungen sammeln. Von Teenies fanatisch geliebt und verfolgt, vom Rest geschmäht und gemieden. Das wird sich mit ihrem dritten, frisch erschienenen Album „Humanoid” kaum ändern.
Dabei ist musikalisch gar nicht viel gegen die Scheibe einzuwenden. Das ist massenkompatibler, sauber produzierter, durchaus vielschichtiger Rock, wie man ihn von anderen 20-jährigen Musikern nicht auf so hohem Niveau erwarten darf. Da hört man beim Titeltrack plötzlich ein Gitarrenbrett, das es von der Härte her mit Linkin Park aufnehmen könnte. Da meint man, beim Song „Hunde” plötzlich, ein New-Order-Keyboard herauszuhören. Dass das Ansehen der Band im Ausland weit besser ist als bei uns daheim, lässt sich auch daran ablesen, dass sie sich mit erfolgreichen Songschreibern wie Guy Chambers (Robbie Wiliams), The Matrix (Christina Aguilera, Avril Lavigne) und für einen Bonus-Track sogar mit Jonathan Davis von Korn verbündet haben.
Ein eigener, recht geschlossener Kosmos
Thematisch erkennt man, dass Tokio Hotel sich einen eigenen, doch recht geschlossenen Kosmos geschaffen haben, der immer wieder mit denselben, auf emotionale Nähe zielenden Versatzstücken spielt („Lass Dich fallen, um zu fliegen”, „Lass uns laufen, wenn die Dunkelheit kommt”). Neu ist, dass Sänger Bill distanziert über die eigene Rolle nachdenkt, so schreit er zum Ende des Albums heraus: „Alien sucht Liebe”.
Womit er auf den Punkt bringt, dass ein schon in jungen Jahren zur androgynen Kunstfigur gewordener Star darunter leiden muss, dass sein gesamtes Privatleben zum Opfer eben dieses Erfolgs geworden ist.
( Quelle: derwesten.de)